• Annic Scholer

Hungerstoffwechsel

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Wird dem Körper nicht genügend Nahrung, z.B. Fasten oder Magersucht, zur Verfügung gestellt, kommt es im Stoffwechsel zu einer Umstellung. Der Körper stellt innerhalb weniger Tage auf eine katabole Stoffwechsellage um, d.h. der Stoffwechsel verlangsamt sich und der Grundumsatz wird gesenkt.

Damit genügend Energie für die Erhaltung wichtiger Körperfunktionen hergestellt werden kann, greift er auf seine Energiespeicher zurück. In erster Linie bedient er sich an den eingelagerten Kohlenhydraten in den Glykogenspeichern der Leber, Nieren und Muskeln. Sind diese leer, beginnt der Körper Proteine in den Muskeln, Knochen und im Gewebe abzubauen, um aus den daraus entstandenen Aminosäuren über die Glukoneogenese (Glukoseherstellung) in der Leber, Energie für das Gehirn herzustellen. Dieses kann ausschliesslich aus Glukose und ein paar wenigen anderen Stoffen wie z.B. Ketonkörper* Energie gewinnen.

In einem weiteren Schritt kann der Organismus auch durch den Abbau von Körperfett in Fettsäuren und Glycerin Energie für die Versorgung von Hirn, Herz, Nieren und Muskeln gewinnen.


Je länger das Hungern dauert, desto mehr Veränderungen im Stoffwechsel treten ein. Unter anderem entsteht über die vermehrte Synthese von Ketonkörpern eine metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes und des Körpers). Im Blutserum steigen die Ammoniak- und Harnsäure-Werte an.


Auswirkungen des Hungerns:

Fasten oder hungern wir, passt sich der Körper einem gewissen Masse an die Nährstoffmängel an. Dies nennt man Hungeradaption. Der Magen verkleinert sich und der Stoffwechselumsatz kann sich bis zu 50 Prozent reduzieren. Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur sinken (z.B. Winterschlaf bei Tieren). Der Glukoseverbrauch des Gehirns reduziert sich auf etwa 30 Prozent des Ausgangswertes (von ca. 140 Gramm auf 40 Gramm). Der Rest der Energie wird durch die Ketonkörper gedeckt. Der Insulinspiegel fällt ab.

Die Folge eines langanhaltenden Nahrungsmangels ist die Auszehrung, die zu einem völligen Kräfteverlust und letztlich zum Tod führen kann. Diesen Tod nennt man Hungertod (Tod durch verhungern).


Der Abbau von Kohlenhydraten

In einem ersten Schritt greift der Körper auf die ihm kurzfristig und schnell zur Verfügung stehenden Energiereserven zurück. Dies wäre das Glykogen in der Leber, den Nieren und der Muskeln, welches in Glukose umgewandelt wird. Diese Reserve ist innerhalb eines Tages aufgebraucht. Sind die Reserven aufgebraucht sinkt der pH-Wert und es kommt zu einer Ansäuerung. Anfangs kommt es durch den Wasserverlust zu einer starken Gewichtsreduktion, danach sinkt das Gewicht nur noch langsam.


Der Abbau von Proteinen

Sind die Glykogenspeicher leer, kommt es zum Eiweißabbau von etwa 50 bis 70 Gramm pro Tag. Vor allem Muskelproteine werden abgebaut, aber auch Proteine in anderen Zellen. Die abgebauten Eiweiße werden im Sinne des Katabolismus entweder direkt verstoffwechselt oder zur Glukogenese aus Aminosäuren genutzt. Dies dauert etwas 2 Wochen, danach beginnt der Stoffwechsel auch beim Abbau der Proteine (nur noch ca. 20 bis 25 Gramm pro Tag) zu sparen. Dies führt zu einer verminderten Harnstoffausscheidung**über den Urin und es kann durch den verminderten Gehalt an Eiweiss im Blut zu „Hungerödemen“ (Wasseransammlungen im Gewebe) kommen.

Der Eiweißverlust wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus: Es hat sich gezeigt, dass es während des Fastens häufiger zu Infekten kommt, sich bestehende Infekte verschlimmern oder manifest werden.

Der Verlust an Muskelmasse, wobei auch der Herzmuskel betroffen ist, beträgt etwa 25 Prozent des gesamten Gewichtsverlustes.


Abbau der Lipide

Der Fettabbau (vor allem Triglyceride) beginnt erst nach einer gewissen Zeit des Hungerns. Der Fettabbau (Lipolyse) führt zur Bildung der Ketonkörper, die vom Gehirn zur Energiegewinnung genutzt werden.


Frauen, Kinder

Im Hungerstoffwechsel kommt es zu Verschiebungen im hormonellen System. Das hat bei der Frau zur Folge, dass sich die Menstruation verändert oder sie völlig ausbleibt.

Bei Kindern sind Störungen im Körperwachstum wahrscheinlich. Hungert eine Frau während der Schwangerschaft, kann es zu einer Verringerung des Geburtsgewichtes, zu Frühgeburten oder körperlichen und geistigen Behinderungen des Kindes kommen.


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* Ketonkörper entstehen im Hungerstoffwechsel wenn Kohlenhydrate fehlen durch den vermehrten Abbau von Fettsäuren. Die Synthese von Ketonkörpern bezeichnet man als Ketogenese.

** Harnstoff ist ein Eiweissabbauprodukt



Anmerkung: Die Informationen in diesem Text stammen aus den Büchern und Studien von:

  1. Martin, Joseph B. 1977 (Clinical Neuroendocrinology)

  2. Siegenthaler, Walter (Hrsg.): Klinische Pathophysiologie. 6. Auflage. Thieme, Stuttgart; New York 1987, ISBN 3-13-449606-2

  3. Almond, Douglas & Mazumder, Bhashkar (2009): Health Capital and the Prenatal Environment: The Effect of Material Fasting During Pregnancy. Working Paper 14428, National Bureau of Economic Research.

  4. Wilson, Jean Donald (Hrsg.): Harrison's principles of internal medicine. 12. Auflage. McGraw-Hill, New York 1991, ISBN 0-07-070890-8


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