Die Reaktion des sympathischen Nervensystems und chronische Beschwerden

Aktualisiert: 14. Feb.

In Millionen von Jahren der Evolution haben sich unsere Körperfunktionen so entwickelt, dass wir in unserer Umwelt überleben können. Die oberste Priorität unseres Körpers ist das Überleben! Es gibt zahlreiche Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, die unser Überleben gefährden können.

Bedrohungen wie Bakterien oder Viren, die mit einer Reaktion des Immunsystems einhergehen, d. h. wir spüren ein grippeähnliches Gefühl, haben vielleicht hohes Fieber oder Kopfschmerzen.

Bedrohungen der Atemwege wie Toxinen oder Rauch können zu einer allergischen Reaktion führen bei der die Atemwege beteiligt sind und das Immunsystem aktiviert wird.

Schmerz triggert eine Art Abwehrreaktion im Körper indem das Gehirn den Fokus auf den Schmerz lenkt. Dabei werden die Schmerzsignale verstärkt und Aspekte des Immunsystems können getriggert werden.

Werden wir zurückgewiesen oder von jemandem getrennt, empfinden wir Angst oder Wut, wir fühlen uns gestresst, unser Herzschlag erhöht sich und unsere Muskeln spannen sich an. Wir sind bereit zu kämpfen oder zu fliehen ( "Kampf-oder-Flucht-Reaktion") oder ziehen uns zurück. Der Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus.

In der modernen Welt sind die meisten Bedrohungen nicht physischer Natur, sondern eher mentale und emotionale Bedrohungen. Aber unsere Körper reagieren so, als ob es sich um reale physische Bedrohungen handelt.


Dies nennt man die Reaktion des sympathischen Nervensystems, die Stressreaktion.


Das Gegenteil ist die Reaktion des parasympathischen Nervensystems.

Dabei beruhigt sich der Körper und heilt, ruht sich aus und repariert sich selbst.


Nun, wie entstehen chronische Zustände und was haben Sie mit der sympathischen Stressreaktion zu tun?


Wir haben überall im Körper Abwehrreaktionen. Doch deren Ursprung ist im Gehirn. Das Nervensystem ist der Chef.

Chronische Zustände sind allesamt echte körperliche Krankheiten, die durch die Auswirkungen eines traumatischen Ereignisses auf das Gehirn verursacht werden, was das Gehirn dazu veranlasst, in einen extremen Überwachungsmodus zu gehen.

Im Gehirn zeigen sich diese Zustände speziell im limbischen System in der Insula (befindet sich zwischen dem limbischen System und dem Kortex) und der Amygdala (wir haben 2 Amygdalae, die sich direkt hinter den Augen befinden).


Die Rolle der Amygdala ist es, uns vor Gefahren zu schützen, indem sie die "Kampf-oder-Flucht-Reaktion" auslöst und sie ist zusammen mit anderen Gehirnstrukturen auch an der Reaktion des Immunsystems beteiligt.

Die Insula ist dafür verantwortlich alle eingehenden sensorischen Daten aus dem Körper aufzunehmen und diese Informationen zu verarbeiten und dann die richtige Reaktion im Nervensystem und im Immunsystem auszulösen. Sie ist auch an der Regulation von Schmerzsignalen beteiligt.

Auch verschiedene andere Teile des Gehirns sind die an diesen Zuständen beteiligt, wie z. B. der präfrontale Kortex, der Gyrus cinguli (limbisches System), der eine wichtige Rolle bei der Regulation von vitalen Vorgängen, wie Verdauung und Fortpflanzung übernimmt und an der Steuerung der Atem– und Pulsfrequenz und des Blutdrucks beteiligt ist. Speziell der anteriore (vordere) Bereich wird zudem mit Aufmerksamkeit, Konzentraion und Motivation in Verbindung gebracht. Dann haben wir den Thalamus, der alle unsere Sinne zusammenführt, der Hippocampus, der für das Kurzzeitgedächtnis zuständig ist, und der Hypothalamus, der das autonome Nervensystem reguliert.


Hier finden Sie mehr zum Aufbau des Nervensystems.


Unsere Abwehrsysteme sind wie ein Lichtschalter konzipiert. Sie werden "Ein"-geschaltet sobald Gefahr droht, ist die Gefahr vorbei, schalten sie sich wieder aus, damit wir keine Energie verschwenden.

Viele chronische Zustände beginnen mit einer eigentlich harmlosen Virusinfektion, mit einer bakteriellen Infektion, mit einem Unfall, einer hormonellen Umstellung (Pubertät, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre), akutem Stress, Kontakt mit starken Chemikalien, Schimmelpilzen, Lebensmittelvergiftungen, Schmerzen oder anderen Ereignissen.

Genetische Veranlagungen, Epigenetik, Erfahrungen in der Kindheit, und schlechte Ernährung, langanhaltender Stress, etc. bestimmen wie wir auf oben erwähnte Situationen (Viren, Bakterien, Unfälle, etc.) reagieren.

Werden die Abwehrsysteme nun durch eine Krankheit, ein Allergen oder ähnliches eingeschaltet, kann das bereits geschwächte System nicht mehr adequat reagieren und der Schalter bleibt auf "Ein". Er kann nicht mehr abgeschaltet und der Parasympathikus hat keine Chance den Körper zu heilen und zu reparieren.

Diese Faktoren lösen eine Art Trauma im Gehirn aus, keine physische Schädigung sondern das Gehin, insbesondere die Amygdala und die Insula, werden gegenüber diesen Symptomen hypersensitiv. Dies verbraucht unsere gesamte Energie und führt zur Erschöpfung. Solange Symptome im Körper sind, wird die Abwehrreaktion ständig ausgelöst auch wenn gar keine Gefahr mehr besteht. Die Überstimulation führt zu neuen Symptomen und diese schleifen zurück zum Gehirn und teilen diesem mit, dass wir noch in Gefahr sind. Es ist wie ein "Sprung in der Schallplatte".


Und warum?


Denken Sie daran, dass die wichtigste Aufgabe des Gehirns darin besteht das Überleben zu sichern. Nehmen wir bei jemandem die Grippe als Auslöser von z.B. dem Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS)/Myalgische Encephalomyelitis (ME). Hat sich diese Person vor oder während der Grippe sehr gestresst gefühlt, kommt Angst dazu, das Immunsystem wird unterdrückt. Das Gehirn denkt sich: " Oh nein, ich werde nicht in der Lage sein die Infektion unter normalen Umständen zu bekämpfen. Das kann gefährlich werden. Ich muss die Abwehrreaktionen überstimulieren um sicher zu stellen, dass wir überleben."

Was glauben Sie verursacht die Grippesymptome? Nicht das Virus selber, nein, sondern das Immunsystem und das Nervensystem. Dies verbraucht die gesamte Energie. Das ist der Punkt, wo es chronisch wird. Das Gehirn bleibt in seinem Modus gefangen und muss retrainiert werden um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Ist es einmal chronisch, kommen viele Begleitsymptome/Begleitzustände (Secondary Conditions) dazu. Zur ursprünglichen Grippe, die wir bereits überstanden haben, gesellen sich Schmerzen im ganzen Körper, wir vertragen immer weniger Lebensmittel, haben Konzentrationsschwierigkeiten, können Gesprächen nicht mehr folgen, finden diese anstrengend, Brian fog, Reizdarm, etc. Symptome wie Brain fog, Konzentrationsstörungen, oä. sind auf ein Schrumpfen des vorderen Teils des Gehirns (präfrontaler Cortex) zurückzuschliessen, das durch die vielen Stresshormone im Körper verursacht wird. Auch der Hypocampus schrumpft und wir haben Mühe uns zu erinnern. Alles wird zum Trigger. Schlussendlich kommt es zu einer Nebennierenerschöpfung, stillen Entzündungen, Allergien, Schlafstörungen, Depressionen, etc.


Der Grund, warum es der traditionellen Medizin schwer fällt, diese Zustände zu behandeln, ist, dass die traditionelle Medizin diese beiden Bereiche der Medizin trennt. Wir haben eine separate Abteilung für Immunologie und eine separate Abteilung für Neurologie und sogar eine separate Abteilung für Psychologie, aber das Gehirn macht keinen Unterschied zwischen all diesen verschiedenen Aspekten des Körpers. Das Gehirn sagt einfach: "Was muss ich tun, um zu überleben", und dann löst der Körper ein einzigartiges Muster der Abwehrreaktion aus, um das Überleben zu sichern.

Wenn wir zum Beispiel eine Grippe haben, wird unser Immunsystem aktiviert, aber das wirkt sich auch auf unsere Emotionen aus und darauf, wie wir uns fühlen. wir haben das Gefühl, dass wir uns einfach nur ausruhen wollen und biologisch gesehen soll das sicherstellen, dass Heilung eintritt, damit wir überleben.

Was hat das alles mit chronischen Erkrankungen wie ME, chronischer Müdigkeit, Fibromyalgie, chemischen Empfindlichkeiten, Reizdarmsyndrom und all den anderen Erkrankungen zu tun, die wir behandeln? Das Immunsystem und das sympathische Nervensystem werden überreizt, und das führt zu einer übermässigen Entzündung im Körper.


Wir können diese Zustände neuro-immun bedingte Syndrome nennen. Euro weil das Nervensystem und das Gehirn involviert sind. Immun, weil das Immunsystem überreizt wird. Bedingt, weil das Gehirn lernt, auf diese Weise zu überreagieren, und Syndrom, weil das Anpassen eine Sammlung von Symptomen bewirkt, die für jede Person einzigartig ist.


Lernen wir dem Gehirn wieder, dass alles ok ist und durchbrechen diese Schlaufe, können wir wieder gesund werden.


Hier findest Du noch mehr zum Zusammenhang von Symptomen und Nervensystem.






Symptomkreislauf
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Referenzen:

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Blackwell Handbook of Psychoneuroimmunology (pp. 198-211). West Sussex: Wiley-Blackwell.