• Annic Scholer

Das Nervensystem

Topografisch gliedert sich das Nervensystem in das zentrale Nervensystem welches das Gehirn und das Rückenmark umfasst und das periphere Nervensystem. Das zentrale Nervensystem dient als Steuerzentrale zur Informationsverarbeitung. Zum peripheren Nervensystem gehören die Nerven, die außerhalb des Wirbelkanals verlaufen, mit ihren Verbindungen zu den Muskeln und Organen.

Funktionell unterscheidet man das somatische (animalische) Nervensystem welches der bewussten Wahrnehmung (Sinneseindrücke, Skelettmuskulatur) entspricht und dem vegetativen (autonomen) Nervensystem, welches der unbewussten Wahrnehmung (Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Organe) entspricht. Dieses wird weiter unterteilt in das sympathische Nervensystem (Anspannung, Stress - Angriff oder Flucht), das parasympathische Nervensystem (Ruhe, Entspannung - Erholung) und das enterische Nervensystem. Das somatische und das vegetative Nervensystem beeinflussen sich gegenseitig. Ausserdem enthalten sowohl das zentrale wie auch das periphere Nervensystem autonome (vegetative) und somatische Anteile.

Das menschliche Nervensystem ist unser Steuerungssystem. Es steht in der Hierarchie der Biologie des Menschen mit seinen Regelsystemen ganz oben. Es ist sozusagen unser Chef. Es gibt Anweisungen an die anderen Regelsysteme.

Dem Nervensystem ebenbürtig ist das Energiesystem, die Mitochondrien. Diese produzieren unsere Energie und ohne Energie geht gar nichts. Sie treffen aber keine Entscheidungen. Dem Nervensystem folgt das Hormonsystem. Dieses ist für die Vermittlung zwischen dem Nervensystem und dem Energiesystem zuständig. Danach kommt noch das Immunsytem und alle anderen Regelsystem wie z.B. das Gewebe, etc.

Hierarchie:

  1. die Mitochondrien als Produzenten von Energie - das Nervensystem als Chef des Organismus

  2. das Hormonsystem als Bote zwischen den oben genannten Systemen

  3. das Immunsystem

  4. Alle anderen Regelsysteme

Der grösste Teil der Reizverarbeitung und der Steuerungsvorgänge findet im zentralen Nervensystem im Gehirn statt. Diese werden hier aber auf mehrere Ebenen verteilt was einfachere und genauere Anweisungen ermöglicht (z.B. Reflexe).

Das Gehirn besteht aus einer Unmenge von miteinander verbundenen Gehirnzellen und neben der Unterteilung in Gross-, Zwischen-, Mittel-, Klein- und Nachhirn aus verschiedenen weiteren Unterteilungen wie z.B. dem Frontalkortex (da werden bewusste Entscheidungen getroffen), Amygdala (Alarmzentrale - hier ist Gefahr angesagt), primitivere Gehirnregionen (Fight or Flight, Schockstarre), Regionen für die Kommunikation, Regionen für das Sehen und Riechen, etc.

Es ist sehr stoffwechselaktiv und braucht daher viel Sauerstoff und Blutzucker (Glukose). Auf eine Mangelversorgung reagiert es äußerst empfindlich.

Damit die Verarbeitung der Reize statt finden kann, müssen vom Nervensystem solche erst erkannt werden. Der ganze Kontakt zur Umwelt findet durch die Nerven des Sinnesapparates statt (Sehen, Fühlen, Hören, Schmecken, Riechen).


Die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem beginnt beim Embryo mit der 3. Schwangerschaftswoche. Bis zum Ende der 8. Woche sind Gehirn und Rückenmark fast vollständig angelegt. In den folgenden Wochen und Monaten wird im Gehirn eine Unmenge von Nervenzellen durch Zellteilung gebildet. Von diesen wird ein Teil vor der Geburt wieder abgebaut. Während der gesamten Schwangerschaft sind die neuronalen Strukturen äußerst empfindlich und damit anfällig gegenüber äußeren Einflüssen. Alkoholkonsum, Rauchen, Strahlung, Jodmangel und bestimmte Erkrankungen der Mutter, wie beispielsweise Infektionskrankheiten können zu einer Schädigung des sich entwickelnden Nervensystems führen. Auch Medikamente und Stress wirken sich auf das Nervensystem des ungeborenen Kindes aus.

Mit der Geburt ist die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem noch lange nicht abgeschlossen. Zwar sind zu diesem Zeitpunkt bereits die große Mehrheit der Neuronen im Gehirn vorhanden, doch die Vernetzung und Verbindung der Nervenzellen nimmt laufend zu und die Nervenfasern werden dicker.

Beim Säugling stehen zunächst Reflexe im Vordergrund. Dabei werden körpereigene Signale und Umweltreize bereits auf der Ebene des Rückenmarks und des Nachhirns in Äußerungen und Reaktionen umgesetzt. In dieser Phase dient der ganze Körper des Säuglings dazu, grundlegende Bedürfnisse und Empfindungen wie Hunger, Angst und Unwohlsein zum Ausdruck zu bringen.

Werden diese Reflexe im Säuglingsalter durch Erlebnisse, hormonelle Verschiebungen, Medikamente, Alkohol, Rauchen oder Stress im Mutterleib, nicht richtig abgebaut, bleibt das Nervensystem unreif. Dies kann dazu führen, dass gewollte Reaktionen vom Körper nicht richtig ausgeführt werden, oder auch die Entwicklung von Reflexen im Erwachsenen Alter gestört ist.

Reflexe sind automatisch, nicht beeinflussbare und gleichartig ablaufende Reaktionen auf bestimmte Reize. Sie regulieren u. a. die Schreckreaktion, Gleichgewicht, Orientierung, Unterscheidung von Rechts und Links, räumliche Wahrnehmung, Berührungswahrnehmung, Muskelbewegungen und die Feinmotorik.

Dies führt dazu, dass das Nervensystem stets damit beschäftigt ist, diese gestörten Reflexe auszugleichen. z.B. hat man Mühe auf einem Bein zu stehen, geschweige denn mit geschlossenen Augen.

Das Nervensystem dieser Menschen ist somit ständig am Anschlag. Dies bedeutet wiederum Stress für den Körper. Bei Stress springen die Nebennieren ein, die mit Kortisol und Adrenalin zu kompensieren versuchen. Die Hormonellebalance verschiebt sich bis zur Erschöpfung.

Oftmals haben diese Menschen Schwierigkeiten nach Stresssituationen das Nervensystem wieder zu regulieren, sind erschöpft, hyperaktiv, ängstlich, etc.

Zum unreifen Nervensystem kommen oftmals auch Traumas hinzu, die bis in Mutterleib oder die Kindheit zurückreichen. Traumas müssen keine Erlebnisse sein, die als schrecklich empfunden wurden. Es genügt ein nicht sofortiges Ansetzten an die Brust oder Flasche. Dies wird vom Kind als „ich verhungere“ gespeichert und kann später durch gewisse Situationen getriggert werden. Auch Operationen, Narkosen, Stürze, Verletzungen, fehlende Aufmerksamkeit oder Streit der Eltern, etc., können im Körper als Traumas abgespeichert werden.

In einer solchen Situation sendet das Nervensystem den Nebennieren den Befehl „Achtung Gefahr“. Das daraufhin ausgeschüttete Adrenalin aktiviert den Körper kurzfristig und setzt ihn sozusagen unter Strom, der Körper versteht die Situation als „Fight oder Flight“ und befindet sich im Stressmodus. Kann der Körper auf Grund unterschiedlicher Umstände diese Situation nicht richtig verarbeiten, setzt sich das Trauma fest und das Adrenalin im Körper wird nicht mehr richtig abgebaut. Durch die stetige Ausschüttung des Adrenalins reagiert das Nervensystem empfindlicher. Da das Adrenalin sowohl im Nervensystem, wie auch im Hormonsystem eine Rolle spielt, gerät der Körper nach und nach in den Stressstoffwechsel. Damit das System nicht ständig überreagiert, beginnt das Kortisol dafür zu sorgen, die Empfindlichkeit des Körpers, der Sinne und der Psyche durch Drosselung der Schilddrüse (Lebensmodus/Energie) herabzusetzen.

Dadurch kann es sein, dass ein vormals durch das Trauma überaktivierter Mensch teilnahmslos, in seiner Wahrnehmung eingeschränkt, kalt und gefühllos wirkt. Auch der Zugang zu den eigenen Gefühlen ist ihm oftmals erschwert.


Die Symptome einer Traumatisierung können von:

  • Extremer Empfindlichkeit

  • Überaktivität

  • Scham und mangelndem Selbstwertgefühl, bis zu

  • Gedächtnisverlust sein.

Auch Langzeitfolgen wie z.B.:

  • Die Unfähigkeit Verpflichtungen einzugehen

  • chronische Müdigkeit oder

  • übermässige Scheu können folgen einer Traumatisierung sein. (Peter E. Levine)

Mehr Informationen zum Thema Traumas findet sich in den Büchern des Neurobiologen Peter E Levine. Mit seiner Therapiemethode Somatic Experiencing hat er grosse Erfolge erzielt. Es gibt natürlich noch viele andere Methoden, die dazu geeignet sind Traumata zu bearbeiten.


Wichtig:

  • Das Nervensystem und das Hormonsystem sind untrennbar miteinander verbunden.

  • Im Nervensystem werden die Informationen durch die Dendriten (Äste) der Nervenzellen, die miteinander verbunden sind durch elektrische Spannung bis zu den Synapsen weitergeleitet und dort von der einen auf die andere Zelle durch die, mittels Spannungsänderung, ausgeschütteten Neurotransmittern weitergegeben.

  • Verändert sich auf Grund von Stress die Hormonlage, z.B. viel Kortisol, hat dies Einfluss auf das Nervensystem (biochemische Veränderung). Dies macht dann etwa mit unseren Gefühlen -> viel Kortisol = Verdrängung, „kaltstellen“ -> nicht über Vergangenes Nachdenken wollen -> Schutz des Körpers gegenüber Stress (Adrenalin).

  • Wenn das Nervensystem den Befehl gibt „Überleben“, dann reagiert das Hormonsystem entsprechend, was wieder eine Rückkoppelung auf das Nervensystem zur Folge hat. Viel Adrenalin hilft uns mit der Situation klar zu kommen, wir sind fokussiert, viel Kortisol hilft uns gegen den Stress anzukommen, indem es verdrängt. Ist das Ziel erreicht, der Stress lässt nach, kommen die Gefühle hoch.

  • Jeder Gedanke, jedes Gefühl hat eine Reaktion im Nervensystem zur Folge und eine biochemische Wirkung auf den Körper und kann dort Schaden anrichten (biochemisch).

  • Gefühle sind biochemisch (Neurotransmitter) messbar, wenn man in dem Moment, in dem man ein spezielles Gefühl hat, messen würde.

  • Wenn man einen Gedanken oft genug denkt oder ein Gefühl oft genug fühlt, bilden sich wie Strassen im Nervensystem -> Selbstläufer. So wird der Gedanke oder das Gefühl durch eine Situation, die man mit etwas assoziiert (z.B.: Anfassen) immer wieder hoch kommen.

Annic Scholer

078 919 68 79

annic.scholer@gmail.com

  • Facebook - Weiß, Kreis,